Frauen im Type-Design

gravatar
 · 
17.06.2021
 ·   · 
6 min read
Featured Image

Diesen Artikel durfte ich für die zweite Ausgabe der Graphischen Revue 2021 schreiben. Im Speziellen widmet sich der Artikel den Type-Designerinnen, denn wie in vielen Gebieten der Gesellschaft sind Frauen leider auch im Bereich der digitalen Schriftgestaltung immer noch unterrepräsentiert. Und das, obwohl gerade Designerinnen zu den Pionierinnen auf diesem Gebiet zählen. Willkommen zu Frauen im Type-Design.

Die (neue) Welt der digitalen Schriftgestaltung

Suzana Licko mit ihrem  Schriftentwurf Mrs. Eaves

Zuzana Licko und ihr Entwurf »Fairplex«. Das Beitragsbild zeigt die Schrift »Mrs Eaves«.

Die Rede ist von Zuzana Licko und Carol Twombly (USA). Zuzana Licko ist einerseits bekannt durch die gemeinsame Gründung des Design-Magazins Emigre mit Rudy VanderLans Ende der 1980er-Jahre, andererseits durch die digitalen Schriften, die sie zu entwickeln begann, weil sie mit der limitierten Anzahl an verfügbaren Fonts auf frühen Apple-Computern unzufrieden war. Das Magazin Emigre wurde im Jahr 2005 eingestellt, aber die gleichnamige »Schriftschmiede« www.emigre.com gibt es nach wie vor. Sie ist Vertriebsweg für zahlreiche Schriftgestalterinnen und -gestalter sowie für Zuzana Lickos eigene Schriften (z. B. Fairplex, Filosofia, Mrs. und Mr. Eaves). Carol Twombly, die auch bei Adobe arbeitete, entwarf die ersten drei Display-Schriften im »Adobe Originals«-Programm: Charlemagne, Lithos und Trajan. Die Schrift Myriad, die vielen Leserinnen und Lesern bekannt sein dürfte, gestaltete sie in Zusammenarbeit mit Robert Slimbach.

Von Argentinien nach Deutschland

Sol Matas und der Schriftentwurf »Confitería«

Sol Matas und der Schriftentwurf »Confitería«

Ein Sprung in den Süden bringt uns zu Sol Matas. Sie studierte Grafikdesign und Schriftgestaltung in Buenos Aires, Argentinien. Ihre Erfahrung aus dem Masterstudium war, dass gut zwei Drittel der Studierenden weiblich waren. Ihrer Meinung nach entsteht die geringere Sichtbarkeit von Frauen erst im Berufsleben, weil sie im Vergleich zu Männern zurückgezogener arbeiten. Dieser Umstand hat sich in den letzten Jahren jedoch gewandelt. Das führt sie unter anderem auf die Gründung des losen Netzwerks Alphabettes.org zurück, das zum aktuellen Zeitpunkt 255 Type-Designerinnen zählt. Sol Matas kennt viele Type-Designerinnen, die in Schriftgestaltungsbüros arbeiten, sie möchte jedoch gerne noch mehr von ihnen in leitenden Positionen sehen.

Neben ihrer Arbeit für Google Fonts ist sie am liebsten in Kooperationen und für direkte Auftraggeber tätig. Nach zahlreichen Besuchen in Berlin fand sie heraus, dass es dort eine sehr lebendige Typografie-Szene gibt, und das bewegte sie dazu, über den Großen Teich nach Berlin zu ziehen. Sie schloss ihr Studio in Buenos Aires und widmete sich fortan ausschließlich dem Type-Design.

Verena Gerlach mit dem Schriftentwurf »FF Chamber Sans«

Verena Gerlach mit dem Schriftentwurf »FF Chamber Sans«

Ein langjähriges Mitglied der Berliner Typo-Szene ist Verena Gerlach. Sie arbeitet dort seit 1998 in ihrem Designstudio, das sich mit Buch- und Schriftgestaltung sowie Typografie beschäftigt. Seit 2003 unterrichtet sie die beiden letztgenannten Bereiche in Vorträgen und Workshops rund um den Globus. 2014 nahm sie an einem »Artist in Residence«-Projekt des Goethe-Instituts im südindischen Bangalore teil. Mit einer Gruppe von unterprivilegierten jungen Frauen entstand ein Projekt für die indische Textilindustrie. Das unterstreicht auch Frau Gerlachs politisches Engagement für die Gleichberechtigung der Frau in unserer modernen Gesellschaft.

Schriftmusterblätter von Andrea Tinnes

Schriftmusterblätter von Andrea Tinnes

Andrea Tinnes, ebenfalls in Berlin tätig, ist Designerin und eine der wenigen Professorinnen für Schrift in Deutschland. Sie publiziert und vermarktet ihre Schriften über ihr Label typecuts.com. Auf die Frage, warum es ihrer Ansicht nach weniger Frauen als Männer im Type-Design gibt, antwortet Andrea Tinnes: »Seit Jahren ist zu beobachten, dass sich das Verhältnis von weiblichen zu männlichen Schriftgestaltern kontinuierlich wandelt und bedeutende Fortschritte macht: Tatsächlich praktizieren und forschen mehr und mehr Gestalterinnen in den Bereichen Schrift und Typografie und erfahren zudem auch eine zunehmende Sichtbarkeit und Repräsentanz in der Öffentlichkeit. 
Bestärkt wird dieser Wandel durch Forderungen nach einer noch weitaus diverseren Disziplin mit mehr Teilhabe von BIPoC (Black, Indigenous and People of Color; Anm. des Autors) und einer grundsätzlichen emanzipatorischeren Praxis in einer zuvor männerdominierten Community. In diesem Prozess spielen internationale Netzwerke, Austauschplattformen und Kollaborationen von und mit Frauen eine zentrale Rolle.«

Gesine Todts Schriftentwurf »Big Shot«

Gesine Todts Schriftentwurf »Big Shot«

Eine ortsansässige Kollegin von Sol Matas ist Gesine Todt, die gemeinsam mit ihren Kolleginnen Beate Bolte und Juliane Strehmann das Designbüro minkadu.de leitet. Nach der Absolvierung des Master-Studiums für Typeface-Design an der University of Reading in England ist sie in ihrer Position vorwiegend für Schriftgestaltung und Lettering zuständig. Manche ihrer Schriften kann man bei Google Fonts finden. Sie glaubt, dass vielen Frauen die öffentliche Aufmerksamkeit einfach unangenehm ist, die einem widerfährt, wenn man die Ausnahme in einem Beruf ist: »Zum Glück haben Frauen aber gelernt, dass diese Aufmerksamkeit weniger ins Gewicht fällt, wenn man sich zusammen organisiert und Netzwerke bildet, wie zum Beispiel die Alphabettes.«

Alles eine Frage der Biologie?

Trine Rask und die Schrift »Blixen«

Trine Rask und die Schrift »Blixen«

Trine Rask (trinerask.dk) aus Dänemark kommentiert die Frage nach der Unterrepräsentation von Frauen im Type-Design damit, dass sie nie zwischen Männern und Frauen im Sinne von Vorbildern unterschieden hat, um ihrer Leidenschaft als Schriftgestalterin zu folgen. Beobachtungen, die sie während ihrer Laufbahn und durch das Unterrichten gemacht hat, lauten: »Type-Design ist eine komplexe Angelegenheit und erfordert viele verschiedene Fähigkeiten. Männer scheinen selbstbewusster bei Aufgaben zu sein, die sie noch nicht beherrschen. Außerdem sind sie gut darin, sich zu vernetzen. Sie erlauben sich selbst, mehr Zeit in etwas zu investieren, und bringen eher Opfer, um ein Ziel zu erreichen. Manche sind auch bereit dazu, zu bluffen oder zu glauben, dass sie etwas beherrschen, wenn es um Geschäftsmöglichkeiten geht. Ich weiß nicht, ob diese Charakteristika kulturell oder biologisch bedingt sind oder einfach nur schlaues Verhalten – aber ich habe es beobachtet.«

Viele ihrer Kolleginnen (darunter Linda Hintz, Clara Jullien Isaksson, Sofie Beier, Nina Lee Storm, Heidi Rand Sørensen und Cecilie Kirkeskov Knudsen) erachtet sie als sehr gewandt, doch würden sie sich mehr auf die fachliche als die wirtschaftliche Komponente der Schriftgestaltung konzentrieren. Das schlage sich wahrscheinlich auch in der Sichtbarkeit nieder, meint sie.

Type-Design aus einem anderen Kulturbereich

Alexandra Korolkovas Schriftentwurf »Circe Slab Italic«

Alexandra Korolkovas Schriftentwurf »Circe Slab Italic«

Die russische Schriftgestalterin Alexandra Korolkova sieht eine sehr positive Entwicklung: »Kyrillisches Type-Design ist überhaupt nicht von Männern dominiert. Es gibt ungefähr dieselbe Anzahl von russischsprechenden Frauen und Männern unter den Schriftgestaltern (wenn nicht sogar mehr). Ich weiß nicht, ob es sich um eine statistische Abweichung oder andere Mentalität handelt, aber wenn wir nur über kyrillisches Type-Design sprechen, sehe ich sehr gute Bedingungen für Frauen in diesem Feld. Eine der drei großen russischen Type-Designer Mitte des 20. Jahrhunderts war Galina Bannikova (1901–1972). Und auch in der jüngeren kyrillischen Schriftgeschichte gibt es zahlreiche Frauen, die neue Generationen von Type-Designerinnen inspiriert haben.« Alexandra Korolkova hat übrigens nach Carol Twombly als erst zweite Frau und dazu erste Russin den Prix Charles Peignot erhalten (ein renommierter Preis für Designer unter 35 Jahren, die Besonderes in der Entwicklung von Schriftarten geleistet haben; Anm. des Autors).

Buch »How many female type designers do you know?«

Im Jahr 2020 wurde von Julia Popova ein Buch veröffentlicht, das die Arbeit von Frauen im Type-Design würdigt: Onomatopee 184 – How many female type designers do you know? I know many and talked to some! Die weibliche Type-Design-Community wächst also stark, und es ist schön zu sehen, dass ein einst männlich dominiertes Berufsfeld sich auf dem Weg zur geschlechtlichen Ausgeglichenheit befindet.

Weitere Informationen zu diesem Thema gibt es unter:

Tagged: Fonts
Comments

No Comments.

Leave a replyReply to

*